Hast du dich mit diesem Thema schon näher befasst? In Gesprächen unter Anglern wird die richtige Bremseinstellung regelmäßig diskutiert, besonders wenn es um die Fischerei auf Großfische geht.
Seien es gewaltige Waller im Süßwasser oder große Tarpon und Marline im Salzwasser: Immer wieder hört man, dass extreme Drills eine besonders starke Bremse erfordern. Auch die Hersteller von Angelrollen werben gerne mit maximalen Bremskräften. Je stärker, desto besser. Aber stimmt das überhaupt?
Meiner Erfahrung nach – und nach dem Austausch mit erfahrenen Großfisch-Fliegenfischern – kommt es häufig gerade nicht auf maximale Bremskraft und eine brutal zugedrehte Bremse an. Wer versucht, einen Großfisch mit Gewalt zu bezwingen, riskiert, ihn schneller zu verlieren als jemand, der überlegt und kontrolliert vorgeht.
Was können Rute und Rolle tatsächlich leisten?
Wie gering die Kräfte sind, mit denen wir beim Fliegenfischen tatsächlich arbeiten, kannst du selbst ausprobieren. Befestige eine 5-Kilo-Hantel an deiner Fliegenschnur und versuche, sie mit einer Fliegenrute der Klasse 12 oder 13 vom Boden anzuheben. Du wirst überrascht sein.
Anschließend wiederholst du das Experiment mit der Hantel an der Schnur, die direkt von deiner Rolle kommt. Drehe die Bremse bis zum Anschlag zu und verzichte diesmal auf die Fliegenrute. Jetzt erlebst du unmittelbar, welche Kräfte die Rolle allein aufbringen kann.
Der Vergleich macht deutlich, worum es uns geht: Eine starke Fliegenrute und eine Rolle mit hoher maximaler Bremskraft können beim Drill eines Großfisches längst nicht so viel bewirken, wie man aufgrund ihrer technischen Daten vielleicht erwartet. Die Rute kann die Bremskraft der Rolle keineswegs beliebig auf den Fisch übertragen.
Große Fische, feine Vorfächer
Wie wenig das Gewicht eines Fisches mit der erforderlichen Vorfachtragkraft zu tun hat, zeigen spektakuläre Fänge. Der Weltrekord-Blue-Marlin von Gary A. Carter wog 133,19 Kilogramm und wurde mit der Fliege an einem 20-lb-Tippet gefangen. Auch gewaltige Tarpon und viele andere Fischarten in enormer Größe wurden mit vergleichsweise feinen Vorfächern bezwungen.
Solche Fänge zeigen eindrucksvoll, dass es nicht darum geht, einen Großfisch mit maximaler Kraft aufzuhalten. Entscheidend ist vielmehr, die verfügbaren Kräfte kontrolliert einzusetzen.
Ein flüchtender Großfisch lässt sich in offenem Wasser nicht durch eine maximal zugedrehte Bremse stoppen. Stattdessen lassen wir ihn während seiner Flucht gegen eine sanft eingestellte Bremse kontrolliert Schnur nehmen und nutzen die ruhigeren Phasen, um sie zurückzugewinnen. Mit fortschreitendem Drill ermüdet der Fisch allein durch seinen Energieverbrauch während mehrerer Fluchten, und wir können ihn zunehmend unter Kontrolle bringen.
Eine hohe Bremskraft ist dafür nicht erforderlich. Sie kann sogar kontraproduktiv sein, wenn sie dazu verleitet, mehr Druck auszuüben, als Vorfach und Knoten verkraften. Das Risiko eines Abrisses steigt, ohne dass wir dadurch zwangsläufig mehr Kontrolle über den Fisch gewinnen.
Natürlich gibt es Situationen, in denen eine hohe Bremskraft notwendig sein kann. Die hier beschriebenen Überlegungen beziehen sich grundsätzlich auf die Fischerei in offenem, hindernisfreiem Wasser. Sie sind keine universelle Regel für jede Fischart und jede Situation.
Kontrolle statt Gewalt
Die entscheidende Frage lautet also nicht: Wie viel Bremskraft kann meine Rolle maximal aufbringen? Sondern: Wie viel Kraft brauchen wir tatsächlich, um einen Großfisch sicher zu landen?
Eine leistungsfähige Bremse ist wichtig. Ihre maximale Kraft ist aber kein Selbstzweck. Wer glaubt, einen Großfisch allein durch eine besonders starke Bremse bezwingen zu können, überschätzt die Wirkung der technischen Daten und unterschätzt das Zusammenspiel von Rute, Rolle, Schnur und Angler.
Wenn du tiefer in die Materie einsteigen möchtest, findest du in meinem Buch The Salty Fly ausführliche Informationen zu unterschiedlichen Drilltechniken. Dort geht es auch um spezielle Situationen und die Frage, wie du deine Ausrüstung und deine Technik an die jeweiligen Bedingungen anpasst. Weitere Aspekte behandeln wir in anderen Artikeln dieses Journals.
VIELLEICHT ALS NÄCHSTES
Was tun, wenn ein Tarpon springt?
Warum der Tarpon eine besondere Herausfordung beim Drill mit der Fliegenrute ist.
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