Märchen oder Wahrheit?

Unfassbar rasante Hundertmeter-Fluchten, kreischende Rollen, durch die Rutenringe pfeifendes Backing. Wer noch keine eigenen Erfahrungen mit dem Fliegenfischen auf Bonefish gemacht hat, kann das kaum glauben.

Insbesondere das, was man über die extrem langen Fluchten dieses Fisches hört und liest, mutet zunächst äußerst übertrieben an.

Was ist nun Wahres dran?

Du hast vielleicht schon beeindruckende Erlebnisse mit großen Regenbogenforellen oder Lachsen gehabt, die Backing von deiner Rolle gezogen haben. Fische mit fünf, zehn oder noch ein paar mehr Kilo auf den Gräten.

Aber 100 Meter?

Wohl eher nicht.

Und ein gerade mal zwei oder drei Kilo schwerer Gegner soll schneller und stärker sein?

60 km/h – tatsächlich?

Ja, der Bonefish kann tatsächlich sehr schnell schwimmen. Geradezu atemberaubend schnell.

Nach einigen wissenschaftlichen Untersuchungen soll er Geschwindigkeiten von über 60 km/h erreichen können – und das in nur etwa 25 Zentimetern Wassertiefe. Die erstaunlichen Geschwindigkeitsangaben sind keineswegs nur Anglerlatein. Sie stammen aus wissenschaftlichen Untersuchungen, unter anderem veröffentlicht im Canadian Journal of Zoology, sowie aus Forschungs- und Praxisarbeiten von FISHBIO. Gemessen wird die Schwimmgeschwindigkeit unter anderem mit Bio-Logging, GPS- und Beschleunigungssensoren sowie durch Beobachtungen unter kontrollierten Bedingungen.

Zum Vergleich: Forellen können kurzfristig Höchstgeschwindigkeiten von rund 9 km/h erreichen. Lachse bringen es ohne die Unterstützung starker Strömung gerade einmal auf etwa das Doppelte.

Zurück zum Bonefish.

60 km/h entsprechen etwa 17 Metern pro Sekunde.

50 Meter Schnur würde dir ein Bonefish bei dieser Geschwindigkeit in nur rund drei Sekunden von der Rolle reißen.

100 Meter in etwa sechs Sekunden.

Das klingt tatsächlich nach Anglerlatein.

Aber natürlich wirst du das in dieser Form nicht erleben. Der Bonefish wird durch den Widerstand der Rollenbremse und der Schnur im Wasser gebremst. Seine Flucht wird deshalb umso langsamer, je mehr Schnur er von der Rolle gezogen hat. In der Realität dauert eine Hundertmeterflucht eher 10 bis 20 Sekunden.

Doch auch diese Leistung ist absolut beeindruckend. Denn der Bonefish vollbringt diese unglaublichen Sprints ohne die Unterstützung einer Strömung – anders als beispielsweise ein flussabwärts flüchtender Lachs.

Ein Bonefish zieht Schnur von der Rolle

Warum manche Bonefish gar nicht flüchten

Doch wie kommt es dann, dass es auch ganz andere Erfahrungen gibt?

Schon oft haben mir insbesondere Neulinge nach ihren ersten Bonefish-Kontakten erzählt, dass das alles Blödsinn sei. Sie hätten noch keinen Bone gefangen, der mehr als ein paar Meter Backing von der Rolle gezogen habe. Wie kann das sein?

Die Fluchtgeschwindigkeit und -distanz hängt von verschiedenen Faktoren ab.

Wenn du einen Bonefish aus einem großen Schwarm in tieferem Wasser fängst, macht er erheblich weniger „Alarm“. Er bleibt zunächst bei seinen Schwarmgenossen. Erst wenn er vom Schwarm getrennt ist und zurück zu seinen Artgenossen möchte, legt er einen Zahn zu.

Hakt man einen Bonefish aus einer Schule in einer räumlich begrenzten Senke, einer Mulde oder einem sogenannten Creek, zieht der gehakte Fisch mit dem gesamten Schwarm innerhalb dieser begrenzten Fläche umher. Dann erlebt man einen vergleichsweise „schlaffen“ Drill – etwa vergleichbar mit dem einer großen Forelle.

Ähnliches gilt, wenn du einen Bonefish in einem sogenannten Mud fängst. Als Mud bezeichnet man milchig trübe Wasserflächen, die durch die enorme Anzahl von Bonefish entstehen, die dort gemeinsam am Grund nach Nahrung suchen. Auch hier kann sich der Fisch anders verhalten, als man es von den spektakulären Fluchten kennt.

Das ultimative Szenario

Generell kann man sagen, dass Bonefish ihre spektakulärsten Leistungen auf weitflächigen, knietiefen Flats vollbringen. Und genau hier wartet das ultimative Fliegenfischen auf den Geist der Flats.

Den Fisch sehen.

Die Fliege exakt platzieren.

Die Reaktion des Fisches beobachten.

Den Anhieb genau in dem Moment setzen, in dem der Fisch die Fliege im Maul hat.

Die Rute hoch über den Kopf.

Perfekte Kontrolle der vom Bootsdeck hochschnellenden Fliegenschnur.

Die Rute hoch über den Kopf.

Und dann geht die Post ab.

Dreißig. Fünfzig. Hundert Meter Backing sausen davon.

Ganz großes Kino.

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